Otium-Lesung

Ich stand neulich im Hafen von Rotterdam und da sieht es ziemlich postmodern aus, so eine Mischung von alten Prachtgebäuden, funktionalem Hafenkram und avangardistischer Architektur. Und dann sehe ich die Möwen über‘m Wasser und wie die Sonne darauf glänzt und mir steigt der Salzgeruch in die Nase und ich hab‘ plötzlich so einen Gedanken, bei dem klar ist, dass er nicht stimmen kann, aber ich denke: Eigentlich hat sich nichts verändert. Dabei haben die den Hafen ausgebaggert und das Rotlichtviertel geschlossen und es ist nichts wie früher, rein gar nichts.

Ich glaube, es ist einfach so. Wenn man morgens heimfährt und die Sonne aufgeht, dann scheint so ein Licht auf den Imbissstand an der Baustelle, das alles unwiderstehlich macht. Es geht um dieses Licht. Im Theater, in der Literatur und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber leider leuchtet da immer nur diese Neonscheiße.

Otium ist eine Zeitschrift für Literatur und Fotografie der Gegenwart und wird seit 2009 in wechselnder Besetzung von einem Redaktionskollektiv herausgegeben. In seinen performativen Lesungen arbeitet das Kollektiv an einer Öffnung der Lesesituation.